Warum verhaftet die Türkei OnlyFans-Models?

Türkinnen werden für Bikinifotos, was im Islam noch legal ist, verhaftet, während Unzucht, islamisch verboten, erlaubt ist. Wie bei den Themen Kopftuchverbot, Schwedens Nato-Beitritt, Moscheen-Abrisse, und vor allem dem Gebetsruf, stellt sich die Frage: Dient die AKP-Regierung Gott oder unbelesenen Wählern?

Fünf Monate Hausarrest weil sich Social-Media-Influenzerin Merve Taskin an einem Valentinstag für ein romantisches Abendessen anbot.

Fünf Monate Hausarrest weil sich Social-Media-Influenzerin Merve Taskin an einem Valentinstag für ein romantisches Abendessen anbot. Bilder: X/Merve Taskin

Istanbul – Die jüngsten Festnahmen von mindestens 16 Frauen im Zusammenhang mit Online-Erotikplattformen wie OnlyFans haben international Aufmerksamkeit erregt. Die türkischen Behörden ermitteln wegen des Vorwurfs der Obszönität sowie mutmaßlicher Geldwäsche. Insgesamt wurden Haftbefehle gegen 25 Personen erlassen, Vermögenswerte in Millionenhöhe beschlagnahmt. Die Maßnahmen stehen im Kontext eines seit 2023 geltenden gerichtlichen Verbots der Plattform in der Türkei.

Offiziell begründen Staatsanwaltschaft und Regierung das Vorgehen mit dem Schutz öffentlicher Moral, der Familie und gesellschaftlicher Werte. Kritiker verweisen jedoch darauf, dass sich die Ermittlungen nahezu ausschließlich gegen Frauen richten, die ihren Lebensunterhalt mit digitalen Inhalten verdienen, während strukturelle Fragen zu Finanzflüssen, Plattformregulierung oder Konsumverhalten weitgehend ausgeblendet bleiben.

Menschenrechtsorganisationen und säkulare Juristen sehen in den Verhaftungen eine Fortsetzung jener Moral- und Ordnungspolitik, mit der die türkische Führung seit Jahren gesellschaftliche Kontrolle ausübt – häufig unter religiöser Rhetorik, jedoch mit klar politischer Zielrichtung.

Pseudo-Islamisierung statt religiöser Kohärenz

Politisch betrachtet sprechen viele Beobachter von einer Pseudo-Islamisierung. Zwar beruft sich die Regierung regelmäßig auf religiöse Werte, doch eine konsistente islamische Rechts- oder Ethikauffassung ist darin kaum erkennbar.

Der Heiliger Koran kennt kein pauschales Verbot weiblicher Sichtbarkeit oder Erwerbstätigkeit. In Bezug auf Kleidung mahnt er Frauen – wie auch Männern – zur Zurückhaltung und sittsames Auftreten; konkret wird davon gesprochen, den eigenen “Schmuck” nicht demonstrativ zur Schau zu stellen. Es handelt sich um eine Warnung, nicht um ein Zwangsgebot – im Gegensatz zu “Verruchtheit”, was in Sure An-Nisa/Die Frauen 4:15 in der Tat mit Haft geahndet wird. In Verbindung mit dem erwähnten Vers in Sure An Nur/Das Licht 24:32 über die Zur-Schau-Stellung des Körpers lassen sich daraus ein staatliches Verbot oder strafrechtliche Sanktionen wohl kaum ableiten. Die rote Linie bilden wohl Nudismus, Pornographie sowie Unzucht, wobei letzteres in der Türkei legal ist und Pornographie und Nudismus sowie Teilnacktheit unter dem Begriff “Obszönität” bewusst gleichgesetzt werden. In einigen bekannten Fällen aus den früheren Jahren von OnlyFans wurden in der Türkei tatsächlich Frauen für Bikinifotos, Dessous-Aufnahmen in Polizeigewahrsam genommen. Die Anwendung des Gesetzes ist selektiv und trifft überwiegend Frauen. In den offiziellen Mitteilungen der türkischen Staatsanwaltschaft wird nicht konkretisiert, welche Art von Inhalten jede einzelne Beschuldigte veröffentlicht haben soll. Es wird wieder einmal pauschal von “obszönen Inhalten” gesprochen.

Ähnlich widersprüchlich verhält es sich unter der nun ununterbrochen 23-jährigen AKP-Regierung mit anderen koranischen Passagen, etwa jenen, die vor politischen Anfreundungen warnen, die dem eigenen Glauben widersprechen könnten. Auch hier handelt es sich um eine Warnung, nicht um tagespolitische Bündnisverbote – zumal die türkische Regierung selbst enge strategische, wirtschaftliche und militärische Beziehungen zu westlichen Staaten begehrt.

Ein weiterer Widerspruch zeigt sich im Umgang mit Alkohol und Drogen. Während der Konsum von Alkohol im Koran eindeutig untersagt ist, erzielt der türkische Staat erhebliche Einnahmen aus der Besteuerung und dem staatlich regulierten Verkauf alkoholischer Getränke. Parallel dazu lässt die Regierung jedoch immer wieder Künstler, Musiker oder Influencer wegen Drogenkonsums öffentlichkeitswirksam festnehmen und medial zur Schau stellen. Diese doppelte Moral verstärkt den Eindruck politischer Instrumentalisierung statt religiöser Konsequenz.

Besonders augenfällig ist der Widerspruch in der religiösen Praxis: Nach dem Koran dürfen Moscheen ausschließlich dem Gedenken Allahs dienen. Dennoch wird bis heute fünfmal täglich der Name des Propheten aus den Minaretten zum Gebet gerufen, also angebetet. Diese historisch gewachsene Praxis steht im Spannungsverhältnis zu koranischen Versen, die ausdrücklich davor warnen, neben Gott andere Namen in religiösen Räumen zu erheben. Eine konsequente “Islamisierung” müsste auch diese Fragen thematisieren – tut es aber bewusst nicht.

Wie bereits beim Kopftuchverbot für Schülerinnen, Studentinnen sowie Beamtinnen stellt sich auch im Fall der OnlyFans-Verhaftungen die grundlegende Frage, wem diese Maßnahmen tatsächlich dienen: Gott, Islam – oder primär der Mobilisierung konservativer Wählergruppen. Der selektive Rückgriff auf religiöse Argumente wirkt umso widersprüchlicher, als Präsident Recep Tayyip Erdoğan zugleich zentrale religiöse Empfindlichkeiten politisch relativierte: So belohnte die türkische Führung die in Schweden erlaubten Koranverbrennungen letztlich und stimmte der schwedischen Aufnahme in die NATO zu und verband dies zunächst mit der Aussicht auf eine Wiederaufnahme der Gespräche mit der Europäische Union. Als sich dieses Ziel als unrealistisch erwies, rückten stattdessen Rüstungsgeschäfte – insbesondere neue Kampfjets – in den Vordergrund, obwohl die Türkei mit ihren hochentwickelten Drohnensystemen militärisch kaum auf diese angewiesen ist. Hinzu kommt, dass Erdoğans Partei in der Vergangenheit wiederholt den Abriss von Moscheen zugunsten von Einkaufszentren, Straßen- oder Infrastrukturprojekten genehmigte. Zusammengenommen verdichten diese Punkte den Eindruck, dass es weniger um den Islam oder religiöser Prinzipien geht, sondern vor allem um Machtpolitik, strategische Tauschgeschäfte und wahlpolitische Kalküle.

Fazit

Es ist ausgerechnet dieselbe Regierung, die durch jahrelanges wirtschaftspolitisches Versagen Inflation, Verarmung und Kaufkraftverlust zu verantworten hat, die nun Frauen dafür bestraft, dass sie überleben wollen. In der Türkei liegt die offizielle Inflationsrate bei rund 30 Prozent, während Opposition und unabhängige Ökonomen von einer realen Teuerung von 70 bis über 80 Prozent sprechen – bei Lebensmitteln, Mieten und Energie oft noch höher. Millionen Menschen kämpfen täglich um ihre Existenz, reguläre Arbeit reicht vielerorts nicht mehr zum Leben. Anstatt dieses Desaster einzugestehen, erklärt die Regierung jene zu Schuldigen, die versuchen, sich jenseits eines kollabierten Arbeitsmarkts ein Einkommen zu sichern. Frauen werden kriminalisiert, öffentlich vorgeführt und moralisch abgeurteilt – nicht weil sie anderen schaden, sondern weil sie sich der Armut entziehen wollen, die der Staat selbst produziert hat. Die Botschaft dieser Politik ist zynisch und brutal zugleich: Verhungern ist akzeptabler als selbstbestimmtes Überleben. Moral wird hier nicht zum Schutz der Gesellschaft eingesetzt, sondern als Waffe, um vom eigenen Versagen abzulenken und soziale Not zu bestrafen.

>>-> Afghanistan legalisiert Schlagen von Frauen

Von Okay Altinisik | 14-2-2026, 12:29:17

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