Das Hebron-Abkommen: dürfen Juden überhaupt noch erben?

Für Aborigines in Australien, für Ureinwohner in Nicaragua, für Maori in Neuseeland gilt Abstammung als Rechtsgrundlage. Nur für Juden gilt dieses Prinzip offenbar nicht.

Abraham und Sarah, von Marc Chagall.

Abraham und Sarah, von Marc Chagall. Bild: auctionet.com

Es gibt Momente, in denen Geschichte nicht schleichend, sondern mit einem einzigen Federstrich gemacht wird. Dieser Moment ereignete sich gestern in Hebron.

In Hebron liegt Abraham. Das ist keine politische Behauptung. Das ist Schrift.

Die Höhle Machpela — das Grab der Patriarchen — ist jene Stätte, die Abraham selbst kaufte: für 400 Silberstücke, von einem hethitischen Kaufmann, wie es in Genesis 23 steht. Der erste urkundlich belegte Immobilienkauf der Geschichte. Dort wurden Abraham, Sara, Isaak, Rebekka, Jakob und Lea begraben, die Ahnen der Juden. Hebron trägt deshalb seit biblischer Zeit den Namen Kirjat Arba — Stadt der Vier. Sunniten, die Abraham ebenso wie Christen verehren, errichteten dort im 14. Jahrhundert die Ibrahimi-Moschee, auch bekannt als das Heiligtum Abrahams.

Unter dem Hebron-Abkommen von 1997 kontrollierten die Palästinenser Planung und Bau in der gesamten Stadt — einschließlich des jüdischen Patriarchengrabs und der angrenzenden Ibrahimi-Moschee.

Israels rechtsextremer Finanzminister Bezalel Smotrich hat die drei Jahrzehnte alte Vereinbarung mit der Palästinensischen Autonomiebehörde nun für beendet erklärt. „Ich habe das Hebron-Abkommen aufgehoben“, schrieb er auf der Plattform Facebook. Was nüchtern klingt, ist in Wahrheit ein tektonischer Riss in der Geschichte des Heiligen Landes. Planungs- und Baurechte über die jüdische Gemeinschaft in Hebron und die heiligen Stätten dort kehren in die volle Verantwortung des Staates Israel zurück. Er nannte es eine „historische Korrektur“ — und eine Fortsetzung der „Revolution zur Vertiefung der israelischen Souveränität“ im Westjordanland.

Historisch ist es. Aber wessen Geschichte wird hier korrigiert — und wessen wird von einer gleichgültigen Weltpolitik weiterhin ignoriert?

Wem Abrahams Grab wirklich gehört

Genetische Studien belegen, dass heutige Juden nicht nur durch Kultur und Religion, sondern durch ein gemeinsames biologisches Erbe verbunden sind — zurückreichend auf eine Bevölkerungsgruppe, die vor rund 3.000 Jahren in der Levante lebte. Die Verbindung zwischen dem Volk Israel und Abraham ist keine bloße Legende. Sie ist genetisch, historisch und schriftlich bezeugt: Isaak, Jakob, die zwölf Stämme — eine durchgehende Linie.

Die internationale Politik jedoch behandelt diese Verwandtschaft, als wäre sie eine Fußnote. Als wäre Abraham mit niemandem verwandt. Als wäre das Grab ein neutrales Erbe der Menschheit — ein UNESCO-Dossier, über das man abstimmt.

Wer Anspruch erhebt — und welchen

Der Islam kennt Abraham als Ibrahim, den Freund Gottes. Die Araber der Halbinsel leiten ihre Abstammung von Ismael ab, dem erstgeborenen Sohn Abrahams aus Hagar — das ist in der Schrift verankert, sowohl in der Torah als auch im Heiligen Koran. Das ist ehrenwert und anzuerkennen.

Doch hier liegt der entscheidende Punkt, den die Weltpolitik systematisch verschweigt: Palästinenser sind genetisch keine Ismael-Nachfahren. Sie sind levantinische Bevölkerung — Nachfahren kanaanäischer, byzantinischer, später arabisierter Völker. Genetisch sind sie den Juden sehr ähnlich — beide stammen von der ursprünglichen kanaanäischen Bevölkerung ab. Das ist wissenschaftlich gut belegt. Wer „Arabisch“ mit „Nachfahren Ismaels“ gleichsetzt, müsste konsequenterweise auch Tunesier oder Marokkaner — genetisch Berber, kulturell arabisiert — als Erben Abrahams anerkennen. Das ist keine Abstammung. Das ist Sprachpolitik.

Und das Christentum? Abraham ist für Christen „Vater im Glauben“ — eine spirituelle Metapher. Kein Blut, keine Linie, keine Schrift, die den Christen die Höhle Machpela übereignet. Die Trinitätslehre ist aus jüdischer wie islamischer Sicht eine Abkehr vom Monotheismus, den Abraham lebte. Abraham für alle zu beanspruchen, ohne die Konsequenzen zu tragen, ist ein Lippenbekenntnis — kein Erbanspruch.

Was das Erbrecht immer schon forderte

Es gibt ein Prinzip, das älter ist als jede UNO-Resolution, jedes Völkerrechtsdokument, jeder Friedensplan aus Washington oder Brüssel. Es ist so alt wie die Familie selbst: Blut geht vor.

Im Erbrecht aller Kulturen — ob im römischen Zivilrecht, im islamischen Erbrecht, in China oder in der Torah — gilt eine universelle Hierarchie: Nähere Verwandte verdrängen entferntere. Adoptiveltern haben weniger Anspruch als leibliche. Spirituelle Zugehörigkeit schafft Pietät, aber kein Eigentumsrecht. Das ist kein ideologisches Konstrukt. Das ist menschliche Vernunft, kodifiziert über Jahrtausende.

Dieses Prinzip gilt übrigens weltweit — wenn es der Weltpolitik passt. Das Maori-Recht in Neuseeland basiert primär auf der Abstammungsverbindung zum Land über aufeinanderfolgende Generationen, und diese Verbindung wird als Rechtstitel anerkannt. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte erkannte die Eigentumsrechte indigener Gemeinschaften an ihren angestammten Ländereien an. Für Aborigines in Australien, für Ureinwohner in Nicaragua, für Maori in Neuseeland gilt Abstammung als Rechtsgrundlage.

Nur für Juden gilt dieses Prinzip offenbar nicht.

Der Zynismus der internationalen Reaktionen

Die UNESCO erklärte das Grab der Patriarchen zum palästinensischen Weltkulturerbe — und setzte es zugleich auf die Liste gefährdeter Stätten. Damit wurde ein Ort, den Abraham mit eigenem Geld kaufte und in dem seine Knochen liegen, kurzerhand zum Kulturerbe eines Volkes erklärt, das genealogisch keinen Anspruch auf seine Linie hat.

Das Büro von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas bezeichnete den Schritt als „Eingriff in den politischen und rechtlichen Status Hebrons” und als Verletzung des Völkerrechts. Die Palästinensische Autonomiebehörde forderte die USA auf zu intervenieren. Aber welches Recht ist älter — das Völkerrecht von 1945 oder der Kaufvertrag von Genesis 23?

Auch innerisraelisch blieb die Entscheidung nicht unwidersprochen. Die Organisation Peace Now warnte vor einem „gefährlichen Schritt“ und bezeichnete Smotrich als Brandstifter. Sogar das israelische Außenministerium distanzierte sich. Smotrich kämpft in den Umfragen, Wahlen sind im Herbst — und als Siedler im Westjordanland selbst ist er in seiner Identität untrennbar mit diesem Land verbunden. All das ist wahr.

Und doch: In dieser einen Frage — dem Grab — hat die Geschichte längst geurteilt. Ein Erbrecht, das für Maori in Neuseeland gilt, für Indigene in Nicaragua gilt, für Aborigines in Australien gilt — muss auch für jenes Volk gelten, das seinen Stammvater nicht nur im Glauben, sondern auch im Blut trägt.

Das Zynische ist nicht, dass Israel Anspruch erhebt. Das Zynische ist, dass eine Welt, die Abraham im Mund führt, so tut, als kenne sie ihn nicht.

Allah hat das letzte Wort, und Er bestätigt die Torah, im Heiligen Koran.

>>-> Historisch: Judea und Samaria kehren zurück nach Israel

Von Okay Altinisik | 17-6-2026, 17:05:11

Warum es besser gewesen wäre, wenn Israel allein gegen den Iran gekämpft hätte – wie Gideon

Ein zu großes Heer könnte den Eindruck erwecken, der Sieg sei allein der eigenen Übermacht zu verdanken und nicht Gott.

Von Freund zum Verräter: Was Israel von Trumps Friedensabkommen mit dem schiitischen Terrorregime hält

Das Abkommen gilt als Rettungsanker für einen langjährigen Erzfeind – und kam nur wenige Monate nachdem er Hamas rettete.

Das Hebron-Abkommen: dürfen Juden überhaupt noch erben?

Für Aborigines in Australien, für Ureinwohner in Nicaragua, für Maori in Neuseeland gilt Abstammung als Rechtsgrundlage. Nur für Juden gilt dieses Prinzip offenbar nicht.

Lenkt der Iran-Krieg von Epstein ab — oder Epstein von der Katholischen Kirche?

Drei Skandale. Drei Mächte. Und wer profitiert davon, dass wir nie alle drei gleichzeitig im Blick behalten? Jedes Mal, wenn neue Dokumente veröffentlicht wurden, eskalierte die Nachrichtenlage anderswo.


Discover more from Austrians

Subscribe to get the latest posts sent to your email.

Leave a Reply