In der Geschichte Gideons im Buch der Richter wird dessen Heer von ursprünglich 32.000 Männern auf lediglich 300 Kämpfer reduziert. Ein zu großes Heer könnte den Eindruck erwecken, der Sieg sei allein der eigenen Übermacht zu verdanken und nicht Gott.

Die Population des Iran ist zehnmal grösser als Israels. Hier verbildlicht durch das Gemälde David mit dem Kopf des Goliath von Andrea Vaccaro. Bild: Museum Associates/LACMA
Die militärische Unterstützung Israels durch die Vereinigten Staaten mag kurzfristig als Zeichen enger Bündnistreue erscheinen. Langfristig könnte sie jedoch strategische Nachteile mit sich bringen – sowohl für Israel als auch für die USA. Es gibt gute Gründe für die These, dass Israel einen Konflikt mit dem Iran besser allein geführt hätte.
Israel hätte seine strategische Unabhängigkeit bewahrt
Israel hat sich über Jahrzehnte als Staat präsentiert, der seine Sicherheit notfalls aus eigener Kraft verteidigen kann. Eine direkte amerikanische Beteiligung schwächt dieses Bild und vermittelt den Eindruck, Israel sei auf ausländische Militärhilfe angewiesen. Ein eigenständiges Vorgehen hätte die Abschreckungswirkung israelischer Fähigkeiten stärker unterstrichen.
Internationale Unterstützung für Israel hätte größer ausfallen können
Viele Staaten akzeptieren Israels Recht auf Selbstverteidigung, stehen aber militärischen Interventionen der USA skeptisch gegenüber. Ohne amerikanische Beteiligung wäre es für andere Länder leichter gewesen, Israel politisch zu unterstützen, ohne zugleich eine amerikanische Militärstrategie mittragen zu müssen.
Die amerikanisch-israelische Partnerschaft wäre weniger belastet worden
Jeder gemeinsame Krieg erhöht das Risiko politischer Meinungsverschiedenheiten über Kriegsziele, Waffenstillstände und Friedensverhandlungen. Wenn Israel eigenständig handelt, bleibt den USA mehr Spielraum für Vermittlung und Diplomatie, während das Bündnis selbst weniger innenpolitischem Druck ausgesetzt wird. Analysten weisen darauf hin, dass gemeinsame Militäroperationen und spätere diplomatische Differenzen Spannungen zwischen beiden Regierungen erzeugen können.
Die Lehre Gideons: Stärke braucht nicht immer große Bündnisse
Eine interessante Parallele findet sich bereits im Alten Testament. In der Geschichte Gideons im Buch der Richter wird dessen Heer von ursprünglich 32.000 Männern auf lediglich 300 Kämpfer reduziert. Der Grund ist bemerkenswert: Ein zu großes Heer könnte den Eindruck erwecken, der Sieg sei allein der eigenen Übermacht zu verdanken und nicht Gott.
„Das Volk, das bei dir ist, ist zu zahlreich für mich, um Midian in ihre Hand zu geben; Israel könnte sich gegen mich rühmen und sagen: Meine eigene Hand hat mich gerettet.“
Richter 7:2
Übertragen auf die Gegenwart könnte man argumentieren, dass Israel historisch oft seine größte Stärke in der Fähigkeit gesehen hat, sich aus eigener Kraft zu verteidigen. Ein eigenständiges Vorgehen gegen den Iran hätte stärker an diese Tradition angeknüpft als die Unterstützung durch eine militärische Supermacht. Für manche Beobachter hätte dies nicht nur die strategische Unabhängigkeit Israels unterstrichen, sondern auch die symbolische Botschaft, dass Sicherheit und Entschlossenheit nicht zwangsläufig von möglichst vielen Verbündeten abhängen.
Allerdings scheint Benjamin Netanyahu kaum der geeignete Träger einer solchen Gideon-Idee zu sein. Seine (sekulär)politische Philosophie betont seit Jahren militärische Überlegenheit, Abschreckung und Bündnisse der Stärke. Dies zeigte sich auch in seiner umstrittenen Bemerkung, Jesus Christus wäre machtlos gegenüber Dschingis Khan.
Und Donald Trump erscheint weder als Kriegspräsident im Stil George W. Bushs, der ja, im Gegensatz zu Trump, im Stande war, feindliche Regime zu stürzen, noch als Friedensvermittler nach dem Selbstverständnis Barack Obamas, der Diplomatie und internationale Kooperation stets in den Vordergrund stellte. Stattdessen verfolgt Trump häufig einen profanen Politikstil ohne Ethos, bei dem persönliche Loyalitäten, privatwirtschaftliche Interessen und kurzfristige politische Vorteile die Hauptrolle spielen. Seine halbherzige Unterstützung Israels und seine gleichzeitigen Versuche, regionale Abkommen auszuhandeln, spiegeln diese Ambivalenz wider. Beobachter sehen darin weniger eine kohärente strategische Doktrin als einen stark personalisierten Politikansatz.
Was uns die fortdauernde Existenz der Nukleardrohung Irans lehrt, nachdem uns Trump zum zweiten Mal zusicherte, er hätte sie ausgemerzt, ist dass der Rückgriff auf immer größere Bündnisse und immer größere militärische Mittel nicht zwangsläufig der weiseste Weg ist.
Von Okay Altinisik | 19-6-2026, 17:49:20
Warum es besser gewesen wäre, wenn Israel allein gegen den Iran gekämpft hätte – wie Gideon
Ein zu großes Heer könnte den Eindruck erwecken, der Sieg sei allein der eigenen Übermacht zu verdanken und nicht Gott.
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