Ob diese Überschrift Sinn macht? Na mindestens genauso wie der Begriff “politischer Islam”. Ein Begriff, der letztlich nichts anderes beanstandet, als dass der Islam — im Gegensatz zum Christentum — Gebote kennt. Und nein: Die Zehn Gebote sind nicht die Gebote der Christen, zumal die ersten vier von den trinitarischen Polytheisten unverblümt ignoriert werden. Gottesfurcht, Sabbatheiligung, die absolute Verneinung eines Erdbewohners wie Jesus seiner Gottheit? Fehlanzeige.
Ist es nicht absurd von einem der Gott fürchtet zu erwarten, Seine Gebote zu verharmlosen und zu ignorieren? Macht die Angst wirklich einen Radikalinski aus ihm?

Wenn sogar ein Sack Reis das in China umfällt zum politischen Islam gehören soll, ist es dann abwegig zu behaupten, dass der Femizid zur “Scharia” der Hexenverbrenner, des politischen Christentums gehört? Bild: Still aus dem Kultfilm “Metropolis” von Fritz Lang
Zwei Femizide in Österreich binnen weniger Tage. Zwei Frauen tot. Zwei Männer aus dem engsten Umfeld als Tatverdächtige. Und dennoch: keine große Werte-Debatte, kein religiöser Generalverdacht, kein Schlagwort, das plötzlich alles erklären soll, keine Talkshows, keine Sondersendungen, keine Leitartikel über das “christliche Problem”.
Denn während bei jeder Gewalttat mit sunnitischem oder schiitischem Täter reflexartig der Begriff “politischer Islam” gezückt wird, bleibt die Frage diesmal auffällig aus:
Handelt es sich hier um Gewalt aus dem Geist des politischen Christentums?
Natürlich nicht — wird man sagen. Und genau darin liegt die Doppelmoral.
Zwei Taten, zwei Muster — ein Schweigen
Im ersten Fall verschwand eine 34-jährige Frau aus der Steiermark, später wurde ihre Leiche in einem Waldgebiet entdeckt. Hauptverdächtig ist ein 30-jähriger Beamter der polizeilichen Spezialeinheit Cobra — also ausgerechnet jemand, der sich als moralische Instanz versteht, ein Inquisitor. Laut Ermittlungen soll es einen persönlichen Kontakt zwischen Täter und Opfer gegeben haben. Die Tat wird als gezielte Tötung untersucht.
Kein extremistisches Netzwerk.
Keine religiöse Radikalisierung.
Kein importiertes Weltbild.
Nur Macht, Kontrolle — und eine tote Frau.
Im zweiten Fall in Niederösterreich soll ein 47-jähriger Mann seine 36-jährige Lebensgefährtin getötet haben. Laut Polizei gestand der Tatverdächtige gegenüber einem Bekannten, er habe die Frau erwürgt und ihren Leichnam in einem Keller versteckt. Auch hier: eine Beziehung, ein privater Raum, ein Mann, der entscheidet, dass eine Frau nicht mehr leben soll.
Auch hier kein religiöses Schlagwort.
Kein kultureller Alarmismus.
Kein politischer Überbau.
Hexen, Huren, Eigentum
Über Jahrhunderte hinweg wurden in Europa Frauen verbrannt, gefoltert, ertränkt — legitimiert durch Kirche, Kanzel und Staat. Die Hexenverfolgung war kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern ein System: Frauen, die nicht gehorchten, nicht passten, nicht kontrollierbar waren.
Der weibliche Körper war verdächtig.
Die weibliche Autonomie eine Bedrohung.
Und Gewalt galt als moralisch rechtfertigbar.
Heute brennen keine Scheiterhaufen mehr.
Heute ersticken Frauen in Schlafzimmern, werden vergraben, versteckt, entsorgt.
Der Gedanke dahinter ist derselbe geblieben:
Sie gehört mir. Ich entscheide.
Warum heißt es nie “politisches Christentum”?
Wenn ein Mann tötet, spricht man von “Beziehungsdrama”, “Eifersucht”, “psychischer Ausnahmesituation”.
Selbst dann, wenn der Tatverdächtige Teil einer bewaffneten Eliteeinheit des Staates ist.
Und nie aber spricht man von der kulturellen DNA, die Männern über Jahrhunderte beigebracht hat, dass Frauen Besitz sind — eine Lehre, die tief im europäisch-christlichen Patriarchat verwurzelt ist.
Man stelle sich vor, einer der Täter hätte laut gebetet.
Man stelle sich vor, er hätte sich religiös gerechtfertigt.
Man stelle sich vor, er hätte einen muslimischen Namen getragen.
Die Begriffe wären sofort zur Hand gewesen.
Selektive Moral ist keine Aufklärung
Nein — diese Femizide wurden nicht “vom Christentum verursacht”.
Aber ebenso wenig wird Gewalt automatisch durch den Islam erklärt, nur weil Täter Sunniten oder Schiitien sind — nicht einmal Muslime.
Die unbequeme Wahrheit
Femizide sind kein Importproblem.
Sie sind ein europäisches Kontinuitätsproblem.
Und vielleicht wäre die Debatte ehrlicher, wenn man — statt obsessiv über den “politischen Islam” zu sprechen — einmal den Mut hätte zu fragen:
Welche patriarchalen Muster haben wir nie gebrochen?
Und warum reden wir lieber über Kopftücher, während Frauen im eigenen Land sterben?
Wer Autorität besitzt, glaubt leichter, im Recht zu sein.
Wenn ein Mann, der beruflich trainiert ist, Dominanz auszuüben, diese Logik in den privaten Raum überträgt, wird aus Nähe ein Machtverhältnis. Aus Beziehung ein Territorium. Aus Konflikt eine Grenzüberschreitung.
So wie einst der Priester entschied, dass eine Frau “verdorben” sei, entscheidet heute der Beamte, dass sie sich widersetzt hat. Dass sie gehen wollte. Dass sie sich entzogen hat.
Und wieder folgt Gewalt.
Nicht Religion, sondern das Muster
Weder der Inquisitor von damals noch der Elitebeamte von heute sind Abweichungen. Sie sind Produkte von Systemen, die männliche Autorität heiligen — einmal religiös, einmal staatlich. Beide Systeme können schützen. Beide können töten, wenn Kontrolle zur Selbstverständlichkeit wird und Widerspruch als Provokation gilt.
Gerade deshalb ist es so bequem, über den “politischen Islam” zu sprechen.
Denn dort lässt sich Dominanz externalisieren, exotisieren, abwerten.
Hier aber müsste man anerkennen, dass Europas eigene Geschichte von Frauenverfolgung nicht überwunden, sondern nur säkularisiert wurde.
Die Scheiterhaufen sind verschwunden.
Die Logik der Verfügung über Frauenleben nicht.
Von Okay Altinisik | 16-1-2026, 00:24:52
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