Texas macht die Bibel zur Schulpflicht – wie man es richtig macht

Denn Bildung bedeutet nicht, Menschen vorzuschreiben, was sie glauben sollen. Bildung bedeutet, ihnen möglichst ohne Widersprüche das Wissen zu vermitteln, das sie brauchen, um die Welt zu verstehen.

Bild KI-generiert

Texas geht einen neuen Weg: An öffentlichen Schulen soll die Bibel künftig eine größere Rolle im Unterricht spielen. Befürworter sehen darin keinen Religionsunterricht, sondern die Vermittlung eines der einflussreichsten Bücher der Weltgeschichte. Die Bibel habe Literatur, Kunst, Musik, Recht und Politik über Jahrhunderte geprägt und gehöre deshalb zur Allgemeinbildung.

Doch genau hier stellt sich eine naheliegende Frage: Wenn die Bibel als kulturgeschichtliches Werk an öffentlichen Schulen unterrichtet werden darf – warum dann nicht auch der Heilige Koran?

Auch der Koran zählt zu den bedeutendsten Schriften der Menschheitsgeschichte. Mehr als 1,9 Milliarden Menschen weltweit betrachten ihn als heilige Offenbarung. Seine Wirkung reicht weit über den religiösen Bereich hinaus: Er hat Sprachen, Wissenschaft, Architektur, Philosophie und die Geschichte ganzer Weltregionen geprägt. Wer die Geschichte des Nahen Ostens, Nordafrikas oder großer Teile Asiens verstehen will, kommt am Koran kaum vorbei. Es ist zudem ein Buch, das heute immer noch im Stande ist, ein kleines Wunder zu vollbringen. Ein jeder der aufmerksam die Sure Al Anbiya, Die Propheten, 21:30 liest, stellt sich unweigerlich die Frage: Wie kann es sein, dass ein über tausend Jahre altes Buch die Urknall (Big Bang) Theorie so treffend beschreibt. Der Koran ist gelinde gesagt ein Buch, welches die Bibel in den Schatten stellt.

Ein Unterricht, der sowohl die Bibel als auch den Heiligen Koran sachlich und historisch behandelt, könnte ein Weg sein, den Vorwurf staatlicher Bevorzugung einer einzelnen Religion zu entkräften. Statt einer christlichen Sonderstellung würde der Staat zeigen, dass er religiöse Texte als Teil des kulturellen Erbes der Menschheit vermittelt.

Gerade viele Kritiker der texanischen Initiative berufen sich auf die Trennung von Staat und Religion. Ein religionsvergleichender Ansatz würde diesem Einwand teilweise begegnen. Wenn verschiedene Weltreligionen gleichberechtigt behandelt werden, geht es nicht mehr um Missionierung, sondern um Bildung.

Allerdings dürfte ein solcher Vorschlag auch neue Debatten auslösen. Während viele Demokraten einen ausgewogeneren Religionsvergleich begrüßen könnten, würden zahlreiche konservative Republikaner vermutlich einwenden, dass die Vereinigten Staaten historisch stärker vom Christentum als vom Islam geprägt worden seien und die Bibel deshalb eine besondere Stellung verdiene.

Bibel, Koran und die Frage nach „Korrektur“ – verdient die Bibel ihre besondere Stellung?

In Debatten über Religion im öffentlichen Raum wird oft so getan, als seien die Unterschiede zwischen Bibel und Koran reine Geschmacks- oder Traditionfragen. Tatsächlich geht es aber um sehr grundlegende Fragen darüber, wie Wahrheit überhaupt verstanden wird.

Ein zentraler Ausgangspunkt ist die Bibel selbst. Sowohl das Alte als auch das Neue Testament bilden keine völlig einheitliche, harmonische Lehrschrift. Vielmehr enthalten sie unterschiedliche sprachliche Schichten, Traditionen, theologische Akzentsetzungen – und vor allem Widersprüche. Das Alte Testament betont klar den einen Gott Israels, Jehovah, während das Neue Testament Jesus eine einzigartige, erhöhte Stellung zuschreibt. Besonders bei Paulus und Thomas finden sich Aussagen, die im späteren Christentum als Grundlage der Vorstellung einer göttlichen Natur Jesu verstanden werden. Die niederschmetternde Mehrheit der christlichen Traditionen – insbesondere die katholische, orthodoxe und die meisten protestantischen Kirchen – liest diese Texte entsprechend trinitär-polytheistisch. Diese Lesart ist unabstreitbar zur dominanten christlichen Deutung geworden, gerade wegen der Widersprüche in der Bibel.

Vor diesem Hintergrund ist das christliche Gottesverständnis nicht einfach eine mechanische Fortschreibung des Alten Testaments, sondern eine theologische Systematisierung dieser verschiedenen Aussagen. Das Christentum ist damit historisch gesehen eine interpretative Weiterentwicklung des biblischen Materials, im Widersptuch zum Judaismus und dem Alten Testament.

Der Islam wiederum versteht den Koran in einem anderen Rahmen. Es handelt es sich nicht um eine neue oder konkurrierende Offenbarung, sondern um die abschließende und korrigierende Bestätigung früherer Schriften. Der Helige Koran beansprucht, die ursprüngliche Botschaft der abrahamitischen Tradition wiederherzustellen und von späteren Verfälschungen zu reinigen. Er ist frei von Widersprüchen, welche im kleineren Rahmen selbst die Torah infiziert haben, die ja absurderweise behauptet, der Allmächtige habe sich ausgeruht.

In Gesamtbild erscheint die hebräische Bibel, bzw. das Alte und Neue Testament, nicht als abgeschlossene, endgültige Form göttlicher Offenbarung, sondern als Teil einer Offenbarungsgeschichte, die im Heiligen Koran ihren Abschluss findet.

Ob man diese islamische Sicht teilt oder nicht, ist eine Frage der religiösen oder weltanschaulichen Position. Entscheidend ist jedoch: Der Koran ist inhaltlich frei von Widersprüchen, ist im Stande, sich empirisch zu erweisen, wie wir es ja oben gesehen haben, und folgt einer eigenen inneren Logik, die ihn als Korrektiv innerhalb derselben monotheistischen Tradition versteht. Er verbietet den Trinitarismus.

Sowohl Judentum als auch Christentum basieren historisch auf denselben alttestamentlichen Texttraditionen, entwickeln daraus jedoch unterschiedliche theologische Systeme, so unterschiedlich wie das Alte und das Neue Testament. Diese Unterschiede entstehen nicht allein aus dem Text selbst, sondern aus den jeweiligen Auslegungstraditionen, die bestimmte widersprüchliche Aussagen betonen, verbinden oder systematisch deuten. Genau hier liegt der eigentliche Kern der Debatte, den die Republikaner schlicht zu überbrüllen pflegen.

Trotz Beweislage bleibt für viele die Grundsatzfrage bestehen: Sollten öffentliche Schulen überhaupt religiöse Schriften behandeln? Wenn ja, spricht vieles dafür, nicht nur eine einzige Religion in den Mittelpunkt zu stellen. Wer Schülerinnen und Schülern ein umfassendes Verständnis der Welt vermitteln möchte, sollte ihnen die wichtigsten religiösen und kulturellen Texte der Menschheitsgeschichte näherbringen – sachlich, kritisch und ohne missionarischen Anspruch. Denn Bildung bedeutet nicht, Menschen vorzuschreiben, was sie glauben sollen. Bildung bedeutet, ihnen möglichst ohne Widersprüche das Wissen zu vermitteln, das sie brauchen, um die Welt zu verstehen.

Von Okay Altinisik | 30-6-2026, 1:26:08

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