Nicaragua schafft Wahlen ab: Eine Revolution, die in einer Dikdatur bzw. einer Monarchie endet

Sollte sich die Macht langfristig innerhalb der Familie fortsetzen, könnte Nicaragua künftig in eine Reihe jener Republiken eingeordnet werden, die faktisch dynastisch regiert werden – ähnlich wie in Saudi Arabien, Nordkorea oder früher in Syrien.

Daniel Ortega bei seiner Amtseinführung als Präsident von Nicaragua (2012).

Daniel Ortega bei seiner Amtseinführung als Präsident von Nicaragua (2012). Bild: Cancillería Ecuador/Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Mit einem einzigen Satz hat Daniel Ortega ein politisches Signal gesetzt, das weit über die Grenzen Nicaraguas hinausreicht: Das mittelamerikanische Land werde künftig keine Wahlen mehr abhalten. Die Begründung des Präsidenten: Die Opposition dürfe niemals wieder die Möglichkeit erhalten, die Macht zu übernehmen. Kritiker sprechen vom endgültigen Ende der Demokratie – Ortega selbst sieht darin den Schutz der sandinistischen Revolution.

Der Revolutionär gegen die Diktatur

Dass Ortega heute selbst im Zentrum einer solchen Debatte steht, wirkt historisch bemerkenswert. In den 1960er-Jahren schloss er sich der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) an, die gegen die autoritäre Herrschaft der Somoza-Familie kämpfte. Jahre verbrachte Ortega im Gefängnis, bevor er 1974 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freikam.

1979 stürzten die Sandinisten schließlich die Somoza-Diktatur. Ortega gehörte zu den führenden Köpfen der Revolution und wurde 1985 Präsident. Die neue Regierung versprach soziale Gerechtigkeit, Alphabetisierung, Landreformen und nationale Unabhängigkeit. Viele dieser Programme gelten bis heute als wichtige Errungenschaften der frühen Revolutionsjahre.

Vom Hoffnungsträger zum Machtzentrum

Seit seiner Rückkehr an die Macht im Jahr 2007 hat Ortega seine Stellung jedoch kontinuierlich ausgebaut. Nach den Protesten von 2018 verschärfte sich die Repression gegen Opposition, unabhängige Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen erheblich.

Mit der jüngsten Ankündigung, künftig auf Wahlen zu verzichten, sehen viele Beobachter den letzten demokratischen Mechanismus zur friedlichen Ablösung der Regierung beseitigt.

Ortega weist diese Kritik zurück. Aus seiner Sicht handelt es sich nicht um einen Angriff auf die Demokratie, sondern um den Schutz des Landes vor ausländischer Einmischung und einem erneuten Umsturzversuch. Die Regierung verweist insbesondere auf die Ereignisse des Jahres 2018, die sie als von ausländischen Interessen unterstützten Putschversuch bewertet.

Diese Entwicklung lässt sich auch vor dem Hintergrund der politischen Verschiebungen in Lateinamerika betrachten. Nachdem konservative und rechte Kräfte in mehreren Ländern Wahlerfolge erzielten, könnte Ortega zu der Einschätzung gelangt sein, dass selbst eine gefestigte linke Regierung durch demokratische Wahlen eines Tages abgelöst werden kann.

Wie groß ist die Unterstützung im Volk?

Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Da unabhängige Meinungsumfragen und freie Wahlen kaum noch möglich sind, lässt sich die tatsächliche Zustimmung nur schwer messen.
Politikwissenschaftler gehen davon aus, dass die Sandinistische Front weiterhin über einen festen Kern loyaler Anhänger verfügt. Gleichzeitig dürfte ein Teil der Bevölkerung die Regierung aus Angst vor Repression, aus wirtschaftlicher Abhängigkeit oder aus Resignation unterstützen oder ihr zumindest nicht offen widersprechen.

Ob Ortega heute noch eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat, lässt sich seriös nicht feststellen.

Internationale Kritik

Vor allem die USA reagierten scharf auf die Ankündigung. Washington sprach von einem weiteren Schritt zur vollständigen Abschaffung demokratischer Strukturen und forderte eine stärkere internationale Isolation der Regierung.

Auch Menschenrechtsorganisationen sehen sich in ihrer langjährigen Einschätzung bestätigt, dass Nicaragua sich zu einem autoritären Staat entwickelt habe.

Russland, China, Kuba und Venezuela äußerten sich dagegen bislang nicht in vergleichbarer Weise kritisch.

Eine Republik ohne Wahlen – oder bereits eine Monarchie?

Mit der Abschaffung der Wahlen stellt sich eine grundsätzliche Frage: Kann ein Staat, dessen Führung dauerhaft innerhalb einer Familie verbleibt, noch als Republik gelten?

Juristisch lautet die Antwort zunächst: ja. Nicaragua bezeichnet sich weiterhin als Republik. Eine Monarchie im klassischen Sinne liegt nicht vor, da das Amt des Staatsoberhaupts nicht kraft Erbrechts vergeben wird.

Gleichwohl weist das politische System zunehmend Merkmale einer familiären
Machtkonzentration auf. Ortegas Ehefrau Rosario Murillo ist inzwischen Co-Präsidentin und gilt als wahrscheinliche Nachfolgerin. Mehrere gemeinsame Kinder bekleiden wichtige Positionen in Staat, Medien und Wirtschaft.

Deshalb sprechen zahlreiche Politikwissenschaftler eher von einer dynastischen Diktatur oder einer Familiendynastie als von einer Monarchie.

Ist der Vergleich mit einer Monarchie unfair?

Hier beginnt eine politische und philosophische Debatte.

Historisch wurden die meisten Monarchien niemals durch Volksabstimmungen eingeführt. Könige und Kaiser gelangten häufig durch Erbfolge, Eroberung oder Machtpolitik an die Spitze des Staates. Das Volk wurde dabei in den seltensten Fällen um Zustimmung gebeten.

Befürworter eines Vergleichs argumentieren daher, dass Ortega nicht zwangsläufig schlechter gestellt werden könne als historische Monarchen, deren Herrschaft ebenfalls nicht auf regelmäßigen Wahlen beruhte.

Was geschieht nach Ortega?

Auch diese Frage beschäftigt Beobachter zunehmend.

Nach den Verfassungsänderungen der vergangenen Jahre gilt Rosario Murillo als wahrscheinliche Nachfolgerin ihres Ehemanns. Einen offiziell benannten Erben darüber hinaus gibt es jedoch nicht.

Mehrere Kinder des Präsidentenpaares nehmen bereits heute bedeutende Positionen ein. Sollte sich die Macht langfristig innerhalb der Familie fortsetzen, könnte Nicaragua künftig in eine Reihe jener Republiken eingeordnet werden, die faktisch dynastisch regiert werden – ähnlich wie in Saudi Arabien, Nordkorea oder früher in Syrien.

Ein Wendepunkt für Nicaragua

Ob Daniel Ortega als Bewahrer einer Revolution oder als deren Gegenspieler in die Geschichte eingehen wird, bleibt umstritten.

Unbestritten ist jedoch, dass seine jüngste Entscheidung einen tiefen Einschnitt markiert. Mit dem Verzicht auf künftige Wahlen verändert sich nicht nur das politische System Nicaraguas. Es verändert sich auch die historische Wahrnehmung eines Mannes, der einst als Revolutionär gegen eine autoritäre Familienherrschaft kämpfte und heute selbst mit Fragen nach Macht, Nachfolge und politischer Dauerherrschaft konfrontiert ist.

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