Imst-Pitztal: Stadt der Brunnen oder Stadt der Götzen?

In einer Stadt mit 11.000 Einwohnern gibt es keinen einzigen Supermarkt mehr. Die Läden in der Altstadt sind zu, die Menschen ziehen weg oder geben ihr Geld in der Industriezone am Stadtrand aus, wo das moderne Leben pulsiert.

Die Brunnen Imsts sind mit Figuren geschmückt, die als Schutzpatrone oder Symbolträger aufgestellt wurden. Doch diese Figuren sind keine biblischen Heiligen. Sie sind menschliche Erfindungen.

Die Brunnen Imsts sind mit Figuren geschmückt, die als Schutzpatrone oder Symbolträger aufgestellt wurden. Doch diese Figuren sind keine biblischen Heiligen. Sie sind menschliche Erfindungen. Bilder: Public Domain

Die Brunnen von Imst erzählen eine Geschichte, die viele vielleicht schon mal gehört haben. Über 120 sind es, die in den Gassen, auf den Plätzen und in den Höfen der Tiroler Stadt sprudeln – eine der höchsten Dichten an öffentlichen Brunnen in ganz Europa. Jeder von ihnen ist ein Zeugnis einer Zeit, in der Wasser nicht nur ein Grundbedürfnis, sondern auch ein Symbol für Gemeinschaft, Handwerkskunst und stolze Selbstständigkeit war. Imst, seit dem Mittelalter ein wichtiger Handels- und Handwerksort, verdankt seine Brunnenfülle vor allem zwei Dingen: dem Reichtum an Quellwasser aus den umliegenden Bergen und dem Fleiß seiner Steinmetze und Brunnenbauer, die über Jahrhunderte hinweg ihre Kunst in den Dienst der Stadt stellten.

Schon im 16. Jahrhundert wurden die ersten Brunnen errichtet, nicht nur als Wasserspender, sondern auch als Prunkstücke, die den Wohlstand der Stadt zur Schau stellen sollten. Im Barock und Rokoko erlebten sie ihre Blütezeit – verziert mit Figuren aus Mythologie, Religion und Alltagsleben, geschnitzt von Künstlern, deren Namen heute kaum noch jemand kennt. Die Brunnen waren Treffpunkte, Orte des Austauschs, des Klatsches, des Handels. Hier traf man sich, hier wurde gelebt. Doch heute? Heute fließt das Wasser weiter, doch das Leben ebbte ab.

In einer Stadt mit 11.000 Einwohnern gibt es keinen einzigen Supermarkt mehr. Die Läden in der Altstadt sind zu, die Menschen ziehen weg oder geben ihr Geld in der Industriezone am Stadtrand aus, wo das moderne Leben pulsiert. Die Brunnen aber bleiben. Sie sprudeln weiter, als ob nichts geschehen wäre. Als ob sie nicht wüssten, dass sie längst zu falschen Idolen geworden sind.

Die Götzen auf den Brunnen

In der Bibel, im Buch der Könige, wird erzählt, wie die Israeliten immer wieder den Götzen nachliefen – den Baalen, den Aschera-Bäumen, den goldenen Stieren Jerobeams. Diese Götzen waren Erfindungen der Menschen, Statuen ohne wahre Macht, Schutzpatrone ohne echten Schutz. Sie wurden verehrt, doch sie konnten nicht retten, denn nur Gott allein kann schützen und retten.

Auch die Brunnen Imsts sind mit Figuren geschmückt, die als Schutzpatrone oder Symbolträger aufgestellt wurden. Doch diese Figuren sind keine biblischen Heiligen, keine von Gott auserwählten Helfer. Sie sind menschliche Erfindungen, die im Laufe der Zeit zu Götzen wurden – stumm und ohnmächtig:

-“Heiliger” Florian: Oft auf Brunnen zu finden, gilt er als sogenannter Schutzpatron der Feuerwehr. Doch kann seine Statue auf den Brunnen Imsts die Stadt nicht vor dem wirtschaftlichen Brand bewahren.

-“Heiliger” Johannes Nepomuk: Der sogenannte Schutzpatron der Flüsse, dessen Statue oft an Wasserläufen steht. In Imst kann er die Leere der Gassen jedoch nicht füllen.

-“Heiliger” Georg: Der Drachentöter, ein Symbol für den Sieg des Guten über das Böse. Doch er kann die Abwanderung der Menschen nicht aufhalten.

-Maria Immaculata: Die unbefleckte Empfängnis, ein Symbol für Reinheit und
Schutz, die wohl einzige Auserwählte in der Kollektion. Doch kann ihre Skulptur der Stadt keine neue Zukunft schenken. Zudem hat eine Auserwählte Gottes nichts als Verachtung für ihre Anbeter übrig.

-“Heiliger” Sebastian: Der sogenannte Schutzpatron gegen die Pest, dessen Pfeile an die Seuchen des Mittelalters erinnern. Doch kann er die moderne “Seuche” des Leerstands nicht heilen.

Diese Figuren werden verehrt, doch sind sie keine wahren Beschützer. Sie sind Erfindungen des Christentums, die im Laufe der Jahrhunderte zu Götzen wurden – nicht aus Gold, sondern aus Stein und Tradition. Doch wie die Götzen im Buch der Könige sind auch sie stumm und ohnmächtig. Sie können die leeren Straßen nicht füllen, die Geschäfte nicht retten, die Menschen nicht halten.

Das Goldene Kalb und die steinernen Lügen

Das Goldene Kalb war eine Skulptur, das das Volk Israel sich machte, als es Angst hatte als Moses sie alleine ließ. Es war ein Ersatz für Gott, ein Versuch, das Unkontrollierbare zu kontrollieren. Doch es war eine Lüge. Die Brunnen Imsts sind heute ein ähnliches Symbol. Sie stehen für eine Vergangenheit, die nicht mehr existiert, für eine Identität, die verblasst. Die meisten Menschen beten sie vielleicht nicht mehr an – aber sie klammern sich an sie, als könnten sie die Stadt retten. Als könnten sie die Leere füllen, die die Abwanderung hinterlassen hat.

Doch Stein kann nicht trösten. Und Kunst kann keine Gemeinschaft stiften, wenn sie Gott beleidigt, geprießen sei der Erhabene.

Die Industriezone: Das neue Zentrum ohne Seele

Während die Brunnen in der Altstadt verstauben, hat sich das Leben in die Industriezone am Stadtrand verlagert. Hier gibt es Supermärkte, Baumärkte, Arbeitsplätze – alles, was die Innenstadt nicht mehr bietet. Doch was ist das für ein Leben? Ein Leben ohne Geschichte, ohne die Wärme der alten Gassen, ohne die Seele einer Stadt, die einst stolz auf ihre Brunnen war.

Die Industriezone ist der Ort, an dem die Stadt heute funktioniert. Doch sie ist auch ein Symbol für das Versagen der Brunnen. Denn wenn die Menschen woanders einkaufen, woanders arbeiten, woanders leben, dann haben die Brunnen ihre Bedeutung verloren. Sie sind zu Dekoration geworden, zu stummen Zeugen einer Zeit, die vorbei ist.

Die einzige Hoffnung: Die Götzen niederreißen

Es gibt nur einen Ausweg: Die Götzen müssen fallen. Wir müssen aufhören, uns an eine Vergangenheit zu klammern, die nur aus Humbug und Blasphemie bestand.

Stattdessen sollten wir uns fragen: Wofür brauchen wir Gott wenn diese Schutzpatrone echt sein sollten?

Nicht die Brunnen, nicht die Industriezone, nicht die Tradition oder der Fortschritt können Imst retten. Sondern der Glaube daran, dass es etwas Größeres gibt als das, was wir mit unseren Händen erschaffen: Gott, alias Jehovah, alias Allah, der einzigen Schutzpatron, wenn wir Ihn wollen: der Unsterbliche, der Herr der Welten, der weder einen Nachfahren hat – nötig hat – noch eine Mutter – geprießen sei der Erhabene.

Die Brunnen von Imst sind nur Stein und Wasser – und wenn wir sie zu Götzen machen, dann können wir uns unsere schöne Stadt wohl abschminken.

>>-> Das Kreuz von Debel und die Frage ob seine Beschädigung ein Sakrileg war – oder eine Heldentat

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