Wenn Donald Trump Nicolás Maduro wegen mutmaßlichen Kokainhandels vor Gericht zerren will, inszeniert er sich als kompromissloser Kämpfer gegen Drogen. Doch dieser moralische Gestus zerfällt bei näherem Hinsehen zu blanker Heuchelei.

Unser Coca Kochbuch von der Königin der Köche Bebe Fiammetta, welches die gesundheitlichen Vorzüge der verteufelten Coca Pflanzen hervorhebt.
Denn während Washington Venezuela als „Narkostaat“ brandmarkt, toleriert es im eigenen Land eine Droge, die ungleich mehr Menschenleben kostet: Alkohol. Nach Angaben des US National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (NIAAA) sterben in den Vereinigten Staaten jährlich rund 95 000 Menschen an alkoholbedingten Ursachen. Demgegenüber stehen laut CDC knapp 30 000 Todesfälle pro Jahr, bei denen Kokain eine Rolle spielt. Alkohol tötet damit ein Vielfaches – bleibt jedoch legal, kulturell verankert und politisch geschont.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in der moralischen Aufladung des Themas systematisch ausgeblendet wird: der Unterschied zwischen Kokain und der Coca-Pflanze selbst. Die Coca-Pflanze (Erythroxylum coca) wird seit Jahrtausenden von indigenen Gesellschaften in den Anden genutzt – als Tee, durch Kauen der Blätter oder als Mehl. In dieser natürlichen Form wirkt sie mild stimulierend und enthält nachweislich Kalzium, Eisen, Proteine sowie B-Vitamine.
Mehrere Untersuchungen – unter anderem Berichte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – halten fest, dass Coca-Blätter eine komplexe Mischung aus Alkaloiden, Flavonoiden und Mineralstoffen enthalten, nährstoffreich sind und in traditioneller Nutzung zur Ergänzung der Ernährung beitragen können, insbesondere in Regionen mit eingeschränktem Zugang zu vielfältiger Nahrung – ohne dass die gesundheitsschädlichen Eigenschaften von isoliertem Kokain auftreten. In der wissenschaftlichen Literatur wird zudem diskutiert, dass Coca helfen kann, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Höhenstress zu lindern – Faktoren, die mit Mangelernährung häufig einhergehen. Gleichzeitig ist die Forschung hier nüchtern: Coca-Blätter sind kein Heilmittel gegen Mangelernährung und ersetzen keine ausgewogene Ernährung. Ihr Beitrag liegt – wenn überhaupt – in einer unterstützenden, ergänzenden Funktion, nicht in einer therapeutischen Lösung.
Genau diese differenzierte Sicht fehlt jedoch in der internationalen Drogenpolitik, die Coca historisch pauschal mit Kokain gleichgesetzt hat – eine Klassifizierung, die selbst innerhalb der WHO als politisch geprägt gilt.
Die heutige weltweite Einordnung der Coca-Pflanze in dieselbe Kategorie wie harte Drogen basiert historisch auch auf politischen und kolonial geprägten Klassifizierungen – nicht ausschließlich auf moderner pharmakologischer Evidenz.
Vor diesem Hintergrund wirkt Trumps Vorgehen gegen Maduro weniger wie ein Einsatz für Gesundheit oder Rechtsstaatlichkeit, sondern wie selektive Moralpolitik. Illegale Drogen dienen als außenpolitische Waffe, während eine der tödlichsten Substanzen der eigenen Gesellschaft unberührt bleibt – aus wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Gründen.
Wer Drogenpolitik ernst meint, misst mit einem Maßstab. Wer Kokain kriminalisiert, Gottes Schöpfung verteufelt – keine Pflanze ist illegal – und Alkohol verharmlost, verteidigt keine Menschenleben, sondern Interessen. Trumps Kreuzzug ist deshalb kein moralischer Akt – sondern ein weiteres Beispiel westlicher Doppelmoral.
Von Okay Altinisik | 6-1-2026, 12:02:11
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