Studie: Pestizide schädigen auch Wiesen und Wälder Europas

Rund 70 Prozent der untersuchten Böden enthielten Rückstände von Pflanzenschutzmitteln, inklusive nicht-landwirtschaftliche Flächen wie Wiesen und Wälder.

Wo in Europa Böden untersucht wurden: schematische Karte der 373 Probenstandorte aus 26 Ländern. Grundlage ist eine Nature-Studie unter Beteiligung der EU-Umweltforschung (ISPRA) auf Basis der EU-Kulturenkarte des JRC.

Wo in Europa Böden untersucht wurden: schematische Karte der 373 Probenstandorte aus 26 Ländern. Grundlage ist eine Nature-Studie unter Beteiligung der EU-Umweltforschung (ISPRA) auf Basis der EU-Kulturenkarte des JRC.

Pflanzenschutzmittel belasten Europas Böden weit über Ackerflächen hinaus. Eine neue internationale Studie veröffentlicht in Nature zeigt, dass Rückstände von Pestiziden nicht nur auf intensiv bewirtschafteten Feldern, sondern auch in Wiesen und sogar in Wäldern nachweisbar sind – mit teils gravierenden Folgen für das Bodenleben und zentrale Ökosystemfunktionen.

Die Untersuchung wurde von einem internationalen Forschungsteam unter der Leitung des Bodenökologen Marcel van der Heijden von der Universität Zürich durchgeführt. Beteiligt war auch die Gemeinsame Forschungsstelle der Europäischen Union (ISPRA) in Ispra, Italien. Ziel der Studie war es, systematisch zu erfassen, wie häufig Pflanzenschutzmittelrückstände in europäischen Böden vorkommen und wie sie sich auf die Biodiversität unter der Erdoberfläche auswirken.

Breite Datengrundlage aus ganz Europa

Für die Analyse untersuchten die Forschenden 373 Bodenproben aus 26 europäischen Ländern. Die Proben stammten aus sehr unterschiedlichen Standorten: aus Ackerflächen, Dauer- und extensiv genutzten Wiesen sowie aus Wäldern, die teils weit entfernt von landwirtschaftlicher Nutzung liegen. Damit umfasst die Studie sowohl intensiv bewirtschaftete als auch weitgehend natürliche Flächen.

Analysiert wurden Rückstände verschiedener Pflanzenschutzmittel, darunter Fungizide, Herbizide und Insektizide. Gleichzeitig bewerteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Auswirkungen dieser Stoffe auf Bodenorganismen wie Bakterien, Pilze und wirbellose Tiere – also jene Lebewesen, die für Zersetzung, Nährstoffkreisläufe und Bodenfruchtbarkeit entscheidend sind.

Pestizide fast überall nachweisbar

Das zentrale Ergebnis: Rund 70 Prozent der untersuchten Böden enthielten Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Überraschend war dabei, dass diese nicht nur auf landwirtschaftlichen Flächen gefunden wurden. Auch Wiesen und Wälder, in denen keine direkte Ausbringung erfolgt, wiesen messbare Belastungen auf. Die Forschenden führen dies unter anderem auf Abdrift durch Wind und die weiträumige Verteilung langlebiger Wirkstoffe zurück.

Am häufigsten nachgewiesen wurden Fungizide, die in etwa 54 Prozent der belasteten Proben vorkamen. Ebenfalls weit verbreitet waren Herbizide, darunter auch ein Abbauprodukt des umstrittenen Wirkstoffs Glyphosat. Insektizide wurden seltener gefunden, waren jedoch ebenfalls Teil des Belastungsmusters.

Veränderungen im Bodenökosystem

Besonders kritisch bewerten die Autorinnen und Autoren die beobachteten Veränderungen im Bodenleben. Viele nützliche Organismen reagierten empfindlich auf die chemischen Rückstände. Die Zusammensetzung der mikrobiellen Gemeinschaften veränderte sich, ebenso ihre Funktionen. In einigen Fällen nahmen bestimmte Bakterienarten zu, während andere Organismen zurückgedrängt wurden – ein Zeichen für ökologische Ungleichgewichte, die langfristige Folgen haben können.

Da Bodenorganismen eine Schlüsselrolle bei der Nährstoffversorgung von Pflanzen, beim Kohlenstoffspeicher im Boden und bei der Stabilität von Ökosystemen spielen, könnten solche Verschiebungen die Bodenfruchtbarkeit und die Widerstandsfähigkeit von Landschaften beeinträchtigen.

Politische Brisanz der Ergebnisse

Die Studie hat auch eine klare politische Dimension. Die Forschenden warnen, dass die weit verbreitete Kontamination europäischer Böden die bisherigen Zulassungs- und Bewertungsverfahren für Pestizide in Frage stellt. Diese konzentrieren sich bislang vor allem auf Einzelwirkstoffe und kurzfristige Effekte, während langfristige und kombinierte Auswirkungen auf Ökosysteme oft unzureichend berücksichtigt werden.

Insbesondere die Praxis einer weitgehend routinemäßigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln ohne kontinuierliche ökologische Überprüfung berge langfristige Risiken für Umwelt und Gesundheit, so das Fazit der Studie. Der Boden, lange Zeit ein übersehener Lebensraum, rückt damit verstärkt in den Fokus der Umweltforschung – und der politischen Debatte.

Von Okay Altinisik | 2-2-2026, 9:41:33

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