Die Wiener Festwochen haben sich heuer viel vorgenommen. “Republic of Gods”, dazu der kämpferische Zusatz “Wir schulden der Welt eine Revolution!” – das ist kein dekoratives Motto, sondern eine Kampfansage.

Miryam bedeutet im hebräischen nicht Sanftmut, sondern Widerspenstigkeit, Rebellion, Zumutung. Maria ist keine Staffage die einem Echo dient, sondern eine Figur der Störung. Eine Frau, die ohne Mann schwanger wird – nicht metaphorisch, nicht symbolisch, sondern als biologisch.
Das Line-up scheint sie zunächst einzulösen: Namen, deren Werk seit Jahrzehnten gegen Ordnung, Geschmack und moralische Bequemlichkeit arbeitet, die dieses Versprechen ernst nehmen.
Patti Smith steht als Botschafterin einer Kunst, die sich nie mit Konventionen zufriedengibt: Punk-Dichterin, Spirituelle, Aktivistin – sie verweigert sich der Trennung von Herz und Verstand. Sie singt nicht nur, sie fordert das Publikum heraus, mitzufühlen und mitzudenken.
Da ist der Geist von Christoph Schlingensief, der die deutschsprachige Kunstlandschaft wie kaum ein anderer infiziert hat: mit Krankheit, Zweifel, Überforderung. Schlingensief hat Kunst nicht gemacht, um zu gefallen, sondern um zu entlarven – den Kulturbetrieb, die Politik, das eigene moralische Selbstbild.
Auch Romeo Castellucci, in “Credere alle Maschere”, gestaltet Theater als Wirkfeld zwischen Ritual und Zerlegung des Selbst, während Angélica Liddell mit provokativen, oft körperlich radikalen Performances tradierten Erzählungen Gewalt und Sentiment entgegenstellt. Susanne Kennedy wiederum nähert sich mit analytischer Schärfe scheinbar bekannten Mythen – selbst Wagner – und dekonstruiert sie bis zur Unkenntlichkeit.
Und dann wäre da noch die Nitsch Foundation, die ein Werk präsent hält, das den Körper nicht symbolisiert, sondern opfert – Blut, Eingeweide, Ritual, ohne Erklärung, ohne Grund. Wer kann diesen Anarchismus wohl überbieten?
All das ist ernsthafte, gefährliche Kunst. Kunst, die sich nicht entschuldigt – ästhetisch. Denn wie der Programmtitel verrät, handelt es sich um eine Rebellion innerhalb eines Denkrahmens, der älter ist als jede Avantgarde.
Es stellt sich die unangenehme Frage – inmitten dieser “Republic of Gods”: Wie rebellisch sind Polytheisten eigentlich?
Viele Götter zu haben, ist historisch gesehen kein Akt des Widerstands, sondern der Normalzustand. Polytheismus ist die älteste religiöse Komfortzone der Menschheit, ja mehr noch, er ist der Glauben der Neandertaler – ihre massive Stirnpartie unterscheidet sich morphologisch kaum von jener eines Gorillas. Das ist keine Beleidigung, sondern eine Parallele: Vielgötterwelten entstehen nicht aus Revolte, sondern aus Angst vor einer unberechenbaren Welt, die man lieber auf viele Schultern verteilt. Polytheismus ist Anpassung die einhergeht mit Verrat und Korruption, nicht Aufstand.
Kein Theater, sondern ein Sprengsatz gegen jede vorgefasste “Naturordnung”
Und dieser Punkt trägt einen Namen: Maria.
Nicht zufällig. Miryam bedeutet im hebräischen nicht Sanftmut, sondern Widerspenstigkeit, Rebellion, Zumutung. Maria ist keine Staffage die einem Echo dient, sondern eine Figur der Störung. Eine Frau, die ohne Mann schwanger wird – nicht metaphorisch, nicht symbolisch, sondern biologisch. Gegen Natur. Gegen Gesellschaft. Gegen jede statistische Wahrscheinlichkeit.
Und sie ist nur nur ein Beispiel von systematische Regelverletzungen, einer Kette von Regelbrüchen:
Durch Wessen Wort verweigert Materie ihre chemische Identität?
Durch Wessen Wort verweigert Krankheit die Statistik?
Durch Wessen Wort verweigert Tod seine Endgültigkeit?
Die Antwort fällt zweifellos weniger revolutionär aus, so wie sich Logik nun mal verhält: Allah, alias Jehova, alias Gott – Ihm gehören die Allerschönsten Namen.
Hier kollabiert das säkulare Selbstverständnis. Denn der moderne, säkulare Intellekt lacht über Wunder – glaubt aber gleichzeitig, dass tote, bewusstlose Materie aus dem Nichts heraus Leben, Bewusstsein und Sinn erzeugt. Nicht beobachtet. Nicht reproduziert. Nicht im Labor bewiesen. Sondern behauptet. Und geglaubt.
Der Unterschied zum Neandertaler ist kein intellektueller, sondern ein rhetorischer.
Der Neandertaler sagte: Ein Idol tat es.
Der säkulare Mensch sagt: Emergenz tat es.
Beide liefern keinen Beweis.
Beide ersetzen Erklärung durch Behauptung.
Beide glauben – nur einer nennt es Wissenschaft.
Wer ohne empirischen Nachweis daran festhält, dass Leben aus toten Dingen entsteht, unterscheidet sich strukturell nicht von frühen Polytheisten. Auch dort wurde unbelebte Materie plötzlich belebt. Auch dort war es ein Akt des Glaubens – nur ohne Tempel, dafür mit Diagrammen.
Vor diesem Hintergrund wird Republic of Gods brisant. Vielleicht liegt die eigentliche Provokation dieses Festivals nicht in der Rückkehr der Götter, sondern in der peinlichen Frage, die es aufwirft: wer ist heute eigentlich regressiver – der Gläubige, der offen über wahre Rebellion spricht, oder der säkulare Dogmatiker, dem wahre Rebellion tief im Herzen beunruhigt?
Rebellion ist nicht Vielfalt.
Rebellion ist nicht Provokation.
Rebellion ist das Risiko, sich auf eine Wahrheit einzulassen, die alles kosten kann.
Ohne Zweifel, wir schulden der Welt tatsächlich eine Revolution – aber nicht die ästhetisch bequeme.
Und genau das scheint die Republic of Gods zu fordern: Nicht die vielen Götter – sondern die Unruhe der Möglichkeiten.
Von Okay Altinisik | 24-2-2026, 11:56:18
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