Anthropic steigt in die Pharmaforschung ein – Kommt jetzt bald die Wundercreme für Tattooentfernung?

Der Fokus bleibt bewusst vage formuliert: Es geht um “vernachlässigte” und seltene Krankheiten – Krankheitsbilder, für die sich klassische Pharmakonzerne aus rein kommerziellen Gründen selten engagieren.

Die begnadeten Geschwister Daniela und Dario Amodei auf der Claude Developer Conference 2026 in San Francisco. Bild: Anthropic

Die begnadeten Geschwister Daniela und Dario Amodei auf der Claude Developer Conference 2026 in San Francisco. Bild: Anthropic

San Francisco: Es begann mit einem Gerücht über eine Tattooentfernungscreme. Am Ende stand die Erkenntnis, dass die Wahrheit fast absurder ist als das Gerücht selbst: Ein Familienunternehmen, das eigentlich Sprachmodelle baut, forscht jetzt tatsächlich an Medikamenten. Die Creme soll wohl als Messlatte dienen für das Unmögliche, wobei sie tatsächlich viele Menschen glücklich machen würde.

Als Anthropic Ende Juni ankündigte, künftig eigene Wirkstoffe gegen vernachlässigte Krankheiten erforschen zu wollen, war das für viele Beobachter mehr als nur eine weitere Produktankündigung. Für alle, die die Firmengeschichte der äusserst beliebten Firma kennen, schloss sich damit ein Kreis – zurück zu den Anfängen ihres Mitgründers.

Zwei sehr unterschiedliche Wege

Dario Amodei, CEO von Anthropic, begann seine akademische Laufbahn als Physiker. Nach einem Bachelor in Physik an der Stanford University wechselte er für seine Promotion an die Princeton University – dort allerdings nicht in die theoretische Physik, sondern in die Biophysik. Seine Dissertation befasste sich mit der Elektrophysiologie neuronaler Schaltkreise. Im Anschluss forschte er als Postdoc an der Stanford School of Medicine an computergestützten Methoden zur Proteinanalyse, unter anderem zur Erkennung metastasierender Krebszellen.

Seine Schwester Daniela, heute Präsidentin von Anthropic, schlug einen gänzlich anderen Weg ein. Sie studierte englische Literatur mit Nebenfach Politik an der University of California, arbeitete anschließend in der Politik, dann im Business-Bereich bei Stripe und später bei OpenAI als Vice President of Safety and Policy – bevor sie 2021 gemeinsam mit ihrem Bruder Anthropic gründete.

Ein Familienereignis, zwei Deutungen

Beide Geschwister verloren 2006 ihren Vater Riccardo Amodei, einen italienisch-amerikanischen Lederhandwerker, der lange gesundheitlich angeschlagen war. Der Journalist Alex Kantrowitz beschrieb in einem viel beachteten Porträt für Medium, wie Dario Amodei sein Promotionsthema nach dem Tod des Vaters von theoretischer Physik auf biologische Fragestellungen umstellte – mit dem Ziel, zum Verständnis menschlicher Krankheiten beizutragen.

Ob sich daraus tatsächlich eine gerade Linie zu Anthropics jetzigem Vorstoß in die Wirkstoffforschung für “vernachlässigte Krankheiten” ziehen lässt, bleibt Spekulation. Weder Dario noch Daniela Amodei haben den Schritt öffentlich explizit mit dem Tod ihres Vaters begründet.

Der eigentliche Schritt: Von der Werkbank zum Labor

Bei einer Veranstaltung für Pharma-Führungskräfte, Biotech-Gründer und Forscher in San Francisco kündigte Anthropic am 30. Juni 2026 zwei Dinge gleichzeitig an: den Launch von Claude Science, einer eigenständigen KI-Arbeitsumgebung für biopharmazeutische Forschung, und – deutlich gewichtiger – ein eigenes internes Wirkstoffforschungsprogramm.

Eric Kauderer-Abrams, Anthropics Leiter für Life Sciences, begründete den Schritt damit, dass das Unternehmen die Entwicklung von Medikamenten “hautnah” miterleben wolle, um daraus bessere Modelle und Werkzeuge für die gesamte Branche abzuleiten. Sein Kollege Jonah Cool, zuständig für Partnerschaften im Life-Sciences-Bereich, ergänzte, dass sich Anthropic dabei bewusst auf Krankheiten konzentrieren wolle, die der kommerzielle Markt übersieht.

Damit positioniert sich Anthropic nicht mehr nur als Werkzeuglieferant für Pharmafirmen, sondern erstmals selbst als Akteur im Wirkstoffentwicklungsprozess – ein Schritt, den bislang keines der großen KI-Labore in dieser Form gegangen ist.

Welche Krankheiten sind im Visier?

Konkret genannt hat Anthropic bislang nur ein Beispiel: Phenylketonurie, eine seltene angeborene Stoffwechselerkrankung, bei der der Körper die Aminosäure Phenylalanin nicht richtig abbauen kann. Bei der Ankündigung demonstrierte Alexander Tarashansky, der die Entwicklung von Claude Science leitete, wie das System eigenständig neue Wirkstoffkandidaten für genau diese Krankheit identifizieren konnte.

Darüber hinaus bleibt der Fokus bewusst vage formuliert: Es geht um “vernachlässigte” und seltene Krankheiten – Krankheitsbilder, für die sich klassische Pharmakonzerne aus rein kommerziellen Gründen selten engagieren, weil die Patientenzahlen zu klein oder die Entwicklungskosten im Verhältnis zum Marktpotential zu hoch sind. Eine vollständige Liste hat Anthropic nicht veröffentlicht. Offen bleiben auch Budget, Zeitplan und die Frage, ob gefundene Kandidaten je selbst zur Marktreife gebracht, lizenziert oder an Partnerunternehmen übergeben würden. Kauderer-Abrams betonte, dass sich die Arbeit vorerst auf die präklinische Phase beschränkt – also auf die Forschung, bevor ein Wirkstoff überhaupt in Tests am Menschen geht.

Das Potential – und die Grenzen

Die Verlockung ist offensichtlich: Firmen wie Anthropic verfügen über Rechenkapazitäten und KI-Systeme, die klassische Forschungslabore nicht haben. Wenn ein Modell in der Lage ist, Proteinstrukturen zu simulieren, riesige biomedizinische Datenbanken zu durchsuchen und Wirkstoffkandidaten in Tagen statt Monaten vorzuschlagen, ließe sich zumindest der erste, besonders zeitaufwendige Teil der Wirkstoffsuche erheblich beschleunigen. Gerade bei vernachlässigten Krankheiten – wo es oft schlicht zu wenige Forscher und zu wenig Geld gibt – könnte das ein echter Hebel sein.

Als “Public Benefit Corporation” kann Anthropic dabei laut eigener Aussage Programme nach Patientennutzen statt nach Renditeerwartung auswählen – ein struktureller Vorteil gegenüber börsennotierten Pharmakonzernen.

Gleichzeitig sollte man die Erwartungen nicht überziehen. Der Weg von einem vielversprechenden Molekül im Computer bis zu einem zugelassenen Medikament ist notorisch lang, teuer und von hoher Ausfallquote geprägt – Jahre an bedauernswerten Tierversuchen, klinischen Studien in mehreren Phasen und regulatorischer Prüfung liegen dazwischen. Selbst Anthropic hat bislang nicht in Aussicht gestellt, in absehbarer Zeit ein marktreifes Medikament vorzulegen. “Krankheiten besiegen” bleibt vorerst eine Vision, kein konkretes Versprechen – auch wenn die Ambition dahinter durchaus ernst gemeint zu sein scheint.

Komplementäre Rollen

Unabhängig von der Motivfrage gilt als unbestritten, dass die Rollenteilung zwischen den Geschwistern zentral für Anthropics Aufstieg war. Dario verantwortet die Forschungsrichtung und technische Vision des Unternehmens; Daniela leitet das operative Geschäft – Finanzen, Vertrieb, Partnerschaften, Recruiting und die Sicherheitsorganisation.

Was auch immer die tieferen persönlichen Beweggründe sind – mit Claude Science und dem angekündigten Wirkstoffprogramm für vernachlässigte Krankheiten bewegt sich Anthropic jedenfalls näher an das Feld heran, in dem einer seiner Gründer einst selbst forschte, bevor er sich vollständig der künstlichen Intelligenz zuwandte.

By Okay Altinisik | 4-7-2026, 2:05:48

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